apoQlar – Mixed Reality im OP-Saal

Was man bisher eher aus Science Fiction Filmen kennt, wird jetzt Realität. Mixed Reality nennt sich die Technologie, die virtuelle dreidimensionale Darstellungen mithilfe der HoloLens von Microsoft in die reale Welt projizieren kann. Sirko Pelzl hat ein Start-up gegründet, dass die Technologie jetzt in vielen verschieden Bereichen wie der Automobilindustrie oder Architektur einsetzbar macht. Das spannendste Projekt: der Virtual Surgery Intelligence. Hiermit lassen sich MRT- und CT-Bilder virtuell auf den Patienten „auflegen“. Ein absoluter Mehrwert für Ärzte, die Operationen bisher eher aus dem Kopf oder aus reiner Erfahrung durchführen. Jetzt können sie mithilfe der MR-Brille von Microsoft und einer von apoQlar entwickelten Software genau und direkt am Patienten erkennen, wo ein Tumor liegt oder wie weit an einer bestimmten Stelle des Körpers geschnitten werden darf.


Sirko, welche Möglichkeiten bietet Mixed Reality im Vergleich zu Virtual oder Augmented Reality?
Im Vergleich zu Virtual Reality kann man mit Augmented und Mixed Reality viel bessere Business-Anwendungen machen. Das ist für uns das Interessante. Wir machen da keinen großen Unterschied zwischen Augmented und Mixed Reality, weil es meiner Meinung nach Marketing-Terms von den Großkonzernen sind. Mixed Reality ist letztendlich das Einblenden von virtuellen Objekten oder Dinge in die reale Welt– und das ist, im Gegensatz zu VR, wo du völlig abtauchst, richtig genial. Mit MR hat man tatsächlich einen realen Business-Nutzen.

Wie und wo wendet ihr MR an und was könnt ihr euren Kunden schon bieten?
Wir unterscheiden klar zwischen unserem Service-Bereich und unserem Produkt, dem Virtual Surgery Intelligence (VSI). Wir bieten MR-Service in allen Bereichen an. Angefangen haben wir mit Architektur, hier haben wir beispielsweise ein Projektplanungstool gebaut. Weiterhin gibt es den Bereich Smart-Office, womit das Büro mit IoT-Geräten verbunden wird und beispielsweise das Licht virtuell in einer MR-Brille an- und ausgeschaltet werden kann. In der Auto-Industrie kann man MR zum Beispiel im Bereich Fleet-Management anwenden. Es gibt also unzählige Service-Beispiele. Wir haben auch mit einem Museum geredet und uns gemeinsam überlegt, was man dort machen könnte. Man merkt, dass die Kunden sich momentan noch im Proof-of-Concept-Bereich befinden und erst einmal alles ausprobieren wollen. Ganz im Gegensatz zu VR, wo es auch gerade in Hamburg schon relativ große Projekte gibt. Das ist unser der Service-Bereich, den wir auch weiterhin ausbauen wollen.
Unsere Leidenschaft ist aber bei dem Produkt Virtual Surgery Intelligence (VSI), eine MR-Anwendung in der Medizin, worin wir momentan auch das meiste Potenzial sehen.

In der Virtual Surgery seid ihr sozusagen Pioniere. Wie weit ist eure (Produkt)-Entwicklung schon vorangeschritten?
Die Ärzte, mit denen wir uns zu Anfang getroffen haben, fanden die Idee, MRT- oder ein CT-Aufnahmen dreidimensional darstellen zu können, richtig genial. Im Moment operieren Ärzte nämlich nur mit 2D-Bildern und einem Monitor und haben ganz wenig Zeit für die Vorbereitung.
Hier kommen wir ins Spiel. Die MRT- oder CT-Bilder dreidimensional hochzuladen ist noch relativ einfach. Die Kunst besteht darin, das Ganze eins zu eins auf den Patienten „draufzulegen“ und ihm nicht das ganze MRT-Bild anzuzeigen, sondern nur was er braucht. So weiß der Chirurg, wenn er anfängt zu schneiden, was eigentlich unter der Haut liegt oder wie tief der Krebs an der Stelle geht. Diese Dinge müssen sich Ärzte momentan noch bildlich im Kopf vorstellen.

Für die Entwicklung arbeitet ihr viel mit Ärzten zusammen: Wo entsteht für Ärzte der größte Mehrwert, wenn sie VSI anwenden?
Der Mehrwert entsteht immer in den jeweiligen Bereichen. In der HNO hilft es, beispielsweise knöcherne Strukturen zu sehen. In dem Bereich wird auch viel mit dem Endoskop gearbeitet, aber es geht eben auch ohne, und hier ist der VSI natürlich genial. Bei Krebsoperationen hilft der VSI ungemein, genau wie in der Neurochirurgie. Wenn man einen Epilepsie-Patienten beispielsweise operiert, kann man im Gehirn selbst nicht erkennen, welches Gewebe gesund und welches krank ist. Das sieht man nur, wenn man sich das MRT anschaut. Ein Oberarzt, der seit zehn Jahren tätig ist, weiß wo die richtige Stelle liegt, aber alle anderen wissen es nicht. Wenn man am Kopf eines Menschen operiert, ist es aber wichtig zu wissen, wo der Sinus liegt, weil der Patient sofort verblutet, wenn man diesen trifft.  

In welchen Bereichen der Medizin seid ihr momentan tätig?
Generell sind wir momentan in den Bereichen HNO, Neurochirurgie, Unfallchirurgie oder Wirbelsäulenchirurgie und Radiologie tätig. Für die Radiologie arbeiten wir mit einem Arzt aus Kanada zusammen, der das Ganze sehr treibt und uns auch schon in Hamburg besucht hat.  

Was war bisher am schwersten zu realisieren – wo musstet ihr Grenzen eingestehen?
Wir haben damit begonnen, dass durch künstliche Intelligenz die Punkte am Körper automatisch erkannt und schließlich „gematcht“ werden. Wir sind jetzt bei einem Matching von drei Millimetern und testen das Ganze einer Studie in der Rechtsmedizin eines Hamburger Krankenhauses.. Von diesen wird dann ein CT gemacht, also der Kopf gescannt. Wir spielen die CT-Bilder automatisch auf die MR-Brille, die HoloLens. Der VSI platziert die Darstellung auf den Kopf der verstorbenen Person und die Ärzte schauen, ob es passt.   

Wir sind also noch recht am Anfang. Den ersten Schritt haben wir durch das Einspielen der Bilder in die Brille geschafft. Die weitere Entwicklung passiert jetzt durch die Ärzte. Diese – momentan sind es sieben, es werden stetig mehr – bilden unser Advisory Board. Sie sagen uns, was sie in welchem Bereich gerne hätten. Hier wird es dann oft kompliziert und sehr speziell. Dadurch entstehen auch unsere sogenannten „Spezialisierungs“-Packages.

Was wollt ihr in einem Jahr erreicht haben?
Momentan bieten wir ja unser Kickstarter Paket an. Darin sind die HoloLens mit dem installierten VSI und eine weitere Software, der VSI Manager enthalten. Dieser lädt die MRTs oder CTs automatisch auf die Brille. Es ist noch kein medizinisches Produkt, weswegen wir da ganze Kickstarter Paket nennen.
Wir wollen natürlich, dass alles im nächsten Jahr lizensiert ist und wir in den Spezialisierungen deutlich weiter kommen und gleichzeitig den Vertrieb und das Marketing so weit haben, dass es sich auch gut verkauft. Wir haben jetzt zwei Pakete verkauft, eins nach Kanada und eins an das Marienkrankenhaus in Hamburg.

Wie sieht die Zukunft mit Mixed Reality deiner Meinung nach aus?
MR wird ganz definitiv alle Hardware ablösen. Man wird keinen Laptop, keinen Fernseher und kein Handy mehr brauchen. Man wird einfach wenig oder kaum mehr Displays brauchen. MR wird zusammen mit der künstlichen Intelligenz einen riesen Impact haben. Das merkt man jetzt vielleicht noch nicht allzu sehr, aber es ist definitiv abzusehen.

Um eure Ideen und Use Cases weiterzuentwickeln, braucht es vor allem eines: Entwickler. Wie schafft ihr es, gute Mitarbeiter zu finden und diese von euch zu überzeugen? Und: Welche Art von Mitarbeiter/Entwickler wollt und braucht ihr?
Die Motivation ist immer das Wichtigste. Da geht es gar nicht mal unbedingt um die Technologie. Wir brauchen Leute, die neues Lernen wollen und das schnell anpassen können. Konkret brauchen wir 3D-Entwickler und –Designer, aber auch Entwickler im Bereich Unity, C-Sharp und ganz wichtig: künstlicher Intelligenz.

Um auf uns aufmerksam zu machen, geben wir viele Vorträge und besuchen Messen. Durch die Präsenz unserer Webseite oder durch das Herumsprechen bekommen wir mittlerweile sogar auch Bewerbungen aus Israel. Die Anzahl der Bewerbungen hält sich in Grenzen, aber es sind einige Gute dabei. Die wirklich guten Leute sind aber immer schwierig zu finden.  

Wonach seid ihr momentan auf der Suche? Was würde euch zum großen Erfolg noch fehlen?
Wir haben uns momentan sozusagen Querfinanziert. Wir brauchen eigentlich so viel Kapital wie möglich, da reden wir schon von einer halbe Million Euro. Uns ist klar, dass es in Deutschland schwierig ist, so viel zu bekommen.

Sucht ihr auch nach einem strategischen Partner?
Ja, wir hätten gerne einen strategischen Investor. Jemand, der ein bisschen mehr Stabilität hat und uns mehr als nur finanziellen Mehrwert bringt. Bei einem Fond bin ich mir nicht sicher, ob das das Richtige für uns wäre. Wir suchen schon eher einen stabilen, langfristig orientierten Investor. Man kann unser Produkt zwar skalieren, aber nicht so wie beispielsweise einen Gebrauchtwagen. Man muss knallhart und ganz tief in die Technik reingehen. Auch die Entwicklung mit den Ärzten ist ein Prozess, der dauert, aber dafür einen großen Mehrwert hat.

Stell Dir vor, ihr bekommt durch ein Investment eine Million Euro zur Verfügung gestellt. Worein würde das Geld fließen?Ich würde sofort das Team aufstocken, damit schneller entwickelt werden kann und wir an den Markt gehen können. Wir müssen momentan so viel entwickeln, dass die Gefahr besteht, dass wir zu langsam sind, weil wir das Geld nicht haben. Das läuft in den USA zum Beispiel anders. Da bekommt man schon mal mehrere Millionen Euro von Investoren. Mit dem Geld kannst du natürlich alles entwickeln. Wir müssen jetzt  ziemlich clever sein, um es mit unserem Budget hinzukriegen.

Zudem würden wir wahrscheinlich noch mehr in Hardware und Software investieren. Momentan bauen wir auf die HoloLens drei Kameras auf, die mit den Bewegungen des Patienten gehen. Natürlich würden wir zusätzlich noch einen Vertriebler einstellen. Der kostet aber auch viel Geld.  

Vielen Dank an Sirko für das interessante Interview! Wenn ihr noch mehr über apoQlar erfahren wollt, klickt hier. Mehr Infos zur spannenden Virtual Surgery Intelligence gibt es hier.